Dr. phil. Susanne Mahlstedt - Heilpraktikerin für Psychotherapie
Dr. phil. Susanne Mahlstedt - Heilpraktikerin für Psychotherapie

Workshops an Paracelsus-Schulen

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Schreibwerkstätten

TeilnehmerInnen einer Schreibwerkstatt

Biografisches, Resilienz förderndes Schreiben mit kreativen Methoden kann in diversen Settings für unterschiedlichste Zielgruppen zu allen möglichen Lebensthemen eingesetzt werden.

 

Momentan arbeite ich schwerpunktmäßig im Bereich ressourcenorientierte Biografiearbeit mit Großeltern.

Kreatives, therapeutisches Schreiben

„Schreiben ist Kommunikation mit dem Unaussprechlichen“

Max Frisch

 

Therapeutisches Schreiben oder Schreibtherapie – was ist das? Wer diesen Begriffen noch nie begegnet ist, hat dazu wahrscheinlich nicht einmal eine spontane Vermutung. In Fachkreisen wird dagegen oft als erstes angemerkt, dass es zwischen kreativem, biografischem und therapeutischem Schreiben keine klaren Grenzen gebe. Aber vielleicht ist die Bedeutung der Attribute „kreativ“ und „biografisch“ im Zusammenhang mit Schreiben ebenfalls unklar. Um nicht mit solchen Debatten zu beginnen, ist eine ganz simple und weitgefasste Definition am besten, die zunächst das Wesentliche auf den Punkt bringt: Therapeutisches Schreiben trägt zur Persönlichkeitsentwicklung und mehr Wohlbefinden bei. Ja, Schreiben hilft, Klarheit zu gewinnen und Gedanken zu ordnen. Schreiben kann Distanz schaffen zu emotional schwierigen Themen. Jeder hat beim Schreiben im Tagebuch, in Mails oder in Briefen schon erfahren, wie sehr Schreiben erleichtern kann und dafür sorgt, dass man sich besser fühlt. So kann eigentlich jeder intuitiv ganz für sich allein therapeutisch schreiben.

 

Als einer der ersten in der Geschichte des Schreibens hat das schon um 400 nach Christus der Kirchenvater Augustinus getan. Er hat in seinen „Confessiones“ (Bekenntnisse) seine persönliche Leidensgeschichte aufgearbeitet, sich aber vor allem durch das schriftliche Verarbeiten seiner Sorgen und Nöte den Weg zu seiner individuellen Identität gebahnt. Augustinus gilt deshalb in der Fachliteratur als klassischer Fall einer Selbstheilung durch Schreiben. Exemplarisch für die gesamte Geschichte therapeutischen Schreibens stehen Größen wie Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant oder Rainer Maria Rilke. Diese und andere Autoren haben Schreiben zur Selbsterkenntnis betrieben.

 

Als Wendepunkt in der Geschichte des therapeutischen Schreibens gilt das Werk von Sigmund Freud und seiner freien Assoziation und dem Dreischritt: erinnern, wiederholen, durcharbeiten. Der erste Psychotherapeut, der das Verfassen von autobiografischen Skizzen direkt in die Therapie integriert hat, war Alfred Adler. Für Adler führte das Verstehen der eigenen Lebensgeschichte zu einer Erkenntnis und gegebenenfalls zu einer Korrektur des eigenen Lebensstils.

 

Schreiben kann in ambulantem psychotherapeutischem Kontext zielgerichtet durch den Einsatz kreativer Methoden angeleitet werden, um Unbewusstes überhaupt erst ins Bewusstsein zu holen oder auch als spielerische Vorbereitung mit einer Prise Humor für ein anschließendes Gespräch. Sogar die Zeit zwischen Therapiestunden kann durch schriftliche „Hausaufgaben“ genutzt werden, um die therapeutische Arbeit zu unterstützen. Oft kann zunächst „Unsagbares“ erst nach dem Umweg übers Papier im nachfolgenden Gespräch verbalisiert werden.

 

Damit so etwas gelingen kann, ist das Schreiben mit einem Schreibgerät in der Hand wichtig. In meinen Workshops zum therapeutischen Schreiben lege ich deshalb Wert aufs Schreiben mit ästhetisch schönen Schreibutensilien wie mit Füllern, farbigen Stiften und phantasievoll gestalteten Blankobüchern. So wird Schreiben wieder sinnlich erfahrbar, anders als auf Tastatur oder Smartphone-Bildschirm. Beim Schreiben mit der Hand werden Inhalte in den unterschiedlichen Gehirnarealen abgespeichert und die Arbeit beider Gehirnhemisphären verbunden. Warum ist das wichtig? Erst die Kooperation der linken Gehirnhälfte (sie steht für logisches, rationales, lineares Denken)  mit der rechten (bildhaftes, ganzheitliches, "wildes" Denken) erschließt neue Denkmuster und Lösungsansätze. Per Hand geschriebene Texte verankern sich zudem besser im Gedächtnis. Gedachtes steht danach leichter zum Aussprechen zur Verfügung. Die angeleitete spielerische Haltung des kreativen Schreibens überwindet verbale Kommunikationsgrenzen durch Imaginationen. Gefühle, Gedanken und Erinnerungen werden geweckt und können dadurch überhaupt erst thematisiert werden.

 

Ein weiterer ganz pragmatischer Vorteil des Schreibens innerhalb einer Therapie oder auch alleine: Man schafft ein konkret nachlesbares Ergebnis, das sich zudem noch jederzeit weiterentwickeln lässt. Wir schaffen durch das Schreiben Zeitdokumente und bewahren damit „Begreifbares“ vor dem Vergessen.

 

Immer wieder werden auch diese Fragen gestellt: Für wen ist therapeutisches Schreiben geeignet? Braucht man Vorkenntnisse? Einfache Antwort: Außer rudimentären Schreibkenntnissen bedarf es keiner Vorkenntnisse. Sogar korrekte Rechtschreibung oder Zeichensetzung sind nicht nötig, um therapeutisches Schreiben gewinnbringend anzuwenden. Gerade die Freiheit von Regeln ist das Schöne am kreativen wie am therapeutischen Schreiben: Ich darf –fast– schreiben, was, wie und worüber ich möchte. Ich lerne dabei, meine Produkte und den Prozess meines Schreibens wertzuschätzen. Das macht Spaß und ganz von selbst freudige Lust auf mehr. Natürlich sind Menschen, die ohnehin gerne schreiben, umso begeisterter bei der Sache.

 

Leider gibt es selbst auf angeblich kompetenter Seite noch sehr oberflächliche Vorstellungen vom therapeutischen Schreiben. Ein Beispiel dafür ist die für Psychologiestudenten bestimmte Internetseite "Psychologie-studieren.de". Dort wird im Glossar („Schreibtherapie“) mit keinem Wort das kreative Schreiben oder auch nur der Begriff „kreativ“ erwähnt. Angeleitetes therapeutisches Schreiben lässt sich unter Absehung vom kreativen Schreiben aber überhaupt nicht definieren. Therapeutisches Schreiben kann erst in diesem Kontext wirklich begriffen und in seinen Möglichkeiten erfasst werden.

 

Kreatives Schreiben hat viele Facetten. Deshalb ist es auf den ersten Blick verwirrend, eine zutreffende Zuordnung für das zu finden, was der Begriff meint. Daher bietet sich eine Differenzierung an, am besten mit einem weiteren Terminus: Kreativ-biografisches Schreiben weist auf den Wunsch hin, durch Schreiben Erinnerungen zu wecken, um Gewordenheit zu erkennen. Kreatives Schreiben zur Entwicklung des Schreibstils wird vermittelt zur Unterstützung literarischer oder journalistischer Fähigkeiten. Von kreativ-therapeutischem Schreiben oder von Poesietherapie wird gesprochen, wenn die schreibende Selbsterforschung sich als heilend herausstellt und Veränderungsprozesse in Gang setzt. Ich davon bin überzeugt davon, dass kreatives Schreiben grundsätzlich therapeutische Wirkungen entfaltet, ganz egal, welche Facette gerade im Vordergrund steht. Ganz pragmatisch wird kreatives Schreiben übrigens im Schul- und Wissenschaftsbetrieb eingesetzt, um spielerisch oder systematisierend in einen Schreibfluss zu kommen oder überhaupt erst konkrete Themen zu entwickeln. Sogar in diesem Sinne wirkt das kreative Schreiben prophylaktisch Schreibblockaden entgegen oder ruft positive Gefühle hervor bei der leichteren Bewältigung der vom Studium oder Schule vorgegebenen Schreibaufgabe.

 

Kreatives Schreiben wird heute in Deutschland von mehreren Einrichtungen vermittelt. Als eigenständiger wissenschaftlicher Ansatz wird „Kreatives und Biografisches Schreiben“  als aufbauender Masterstudiengang an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin gelehrt. Der Studiengang führt alle hier skizzierten Tendenzen zusammen. Schreiben, wie es in Berlin verstanden wird, eröffnet als Ausdrucksmittel den Zugang zu Kreativität. Die schöpferische Entfaltung vereint sich mit zahlreichen anderen Wissenschaftsgebieten und führt zu einer neuen Erkenntnisdimension. In diesem Verständnis wird Kreatives Schreiben als junge Wissenschaft begriffen, die als solche über eine gesellig betriebene Freizeitbeschäftigung längst hinausgewachsen ist. Der „Papst“ des Kreativen Schreibens, Lutz von Werder, hat den Berliner Studiengang mit ins Leben gerufen und das erste Institut für Kreatives Schreiben in Deutschland  in Berlin gegründet sowie seit über 25 Jahren umfangreiche Literatur zum Thema verfasst.

 

Am Institut für kreatives, biografisches und therapeutisches Schreiben „Schreibweise Hamburg“, das von zwei Absolventinnen des Berliner Studiengangs gegründet wurde, werden u.a. berufliche Weiterbildungen angeboten, die Kreatives Schreiben in den systemischen Zusammenhang stellen. Pädagoginnen, Therapeutinnen, Schriftstellerinnen und Sozialwissenschaftlerinnen werden zu Pionieren, die sich mit kreativem Schreiben neue gesellschaftliche Wirkungsfelder erobern.

 

Die Ärztin und Professorin für Journalismus, Silke Heimes, ist Gründerin und Leiterin des Instituts für Kreatives und Therapeutisches Schreiben (IKUTS) in Darmstadt. Sie ist die herausragende Vertreterin der Biblio- und Poesietherapie. Bisher haben wir uns auf Schreibtherapie im ambulanten Rahmen bzw. auf intuitives, therapeutisches Schreiben beschränkt. Wird das therapeutische Schreiben dagegen in Kliniken eingesetzt, spricht man eher von Biblio- und Poesietherapie. Diese Therapie wird neben anderen Kreativtherapien wie der Mal- und Musiktherapie am Fritz-Perls-Institut in Hückeswagen im Rahmen der Integrativen Psychotherapie gelehrt. In Kliniken und bei kreativen Schreibwerkstätten liegt ein therapeutischer Mehrwert im Gruppengeschehen. Durch das wohlwollende Feedback anderer Teilnehmer eröffnen sich dem Schreibenden neue Sichtweisen auf den eigenen Text. Diese Erfahrung unterstützt den oft notwendigen und therapeutisch beabsichtigten Perspektivenwechsel.

 

Wer nicht nur aus dem Bauch heraus therapeutisch schreiben möchte, aber auch nicht im Rahmen einer Psychotherapie, der kann Schreibübungen aus Büchern heranziehen. Empfehlenswert für den Beginn sind die Bücher von Silke Heimes. Dazu finden Sie zwei Übungsbeispiele im Extrakasten. Diese Schreibübungen stehen im Kontext der systemischen Therapie. Für den Anfang gut geeignet ist das 2014 erschienene Schreiben als Selbstcoaching. 2015 hat Silke Heimes Schreibimpulse zu einzelnen Krankheitsbildern der international geltenden Klassifikation des ICD 10 veröffentlicht, die für Therapeuten Anregungen liefern, aber auch von jedem zur Selbsterkenntnis genutzt werden können. Heimes schreibt über belegte Wirksamkeitsnachweise des therapeutischen Schreibens vor allem für die Krankheitsbilder: Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, Essstörungen, Suchterkrankungen, Erkrankungen des Immunsystems, Schmerzassoziierte Krankheiten, Krebserkrankungen, Herzkreislauferkrankungen und Atemwegserkrankungen.

 

Das expressive Schreiben, mit dem der Amerikaner James W. Pennebaker 1986 erstmals mit Hilfe einer standardisierten Schreibaufgabe die Effekte des Schreibens auf die körperliche und psychische Gesundheit des Schreibenden empirisch untersuchte, erwähne ich hier lediglich. Interessierte finden die Anleitung dazu im Internet.

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Neben Silke Heimes, Lutz von Werder und den Absolventinnen des Berliner Studiengangs gibt es mittlerweile eine große Bandbreite an Literatur über kreatives, biografisches und therapeutisches Schreiben, das die Selbstwirksamkeitserwartung stärkt und Resilienz fördernd wirkt. Eine kleine Duden-Reihe zum Thema wird unter Federführung von Hanns-Josef Ortheil herausgegeben. Er ist Professor für kreatives Schreiben in Heidelberg, der viele Romane schreibt, die fast immer autobiografisch motiviert sind. Darüber hinaus liegen Titel beispielsweise übers Schreiben in Krisenzeiten vor, übers Schreiben in Cafés oder Museen, zu angeleitetem Tagebuchschreiben, Anleitungen zum Verfassen einer Autobiografie uvm. Der Fantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt.

 

Die vielen Schreibwerkstätten-Angebote zum kreativen Schreiben an Volkshochschulen, in Klöstern, auf Bauernhöfen, auf Ost- und Nordseeinseln, in der Toskana usw. haben immer auch eine therapeutische Wirkung. Selbstverständlich können sie keine Psychotherapie ersetzen. Bei psychischen Belastungen mit Krankheitswert sollten kompetente Psychiater und Psychotherapeuten herangezogen werden.

 

Was ist also therapeutisches Schreiben – noch einmal wieder kurz zusammengefasst? Meine anfänglich formulierte Definition war bewusst einfach gehalten, um das Phänomen greifbar, aber auch umfassend zu umreißen: jede Art von Schreiben, die zur Persönlichkeitsentwicklung und zum eigenen Wohlbefinden beiträgt. Demzufolge könnte also schon das Schreiben eines Einkaufszettels ein therapeutischer Akt sein, weil ich mich, um es mit einem Augenzwinkern zu sagen, dadurch von der Last befreit fühlen kann, an alles denken und gedanklich immer um dieselben Themen kreisen zu müssen. Vorangegangener Satz ist mit dem Schalk des kreativen Schreibens im Nacken verfasst. Das kreative Schreiben darf eben auch in der Zusammenfassung am Schluss nicht fehlen.

 

Ganz wichtig beim therapeutischen Schreiben, aber bisher nicht explizit erwähnt, ist vor allem noch dies: Positive Themen sind willkommen. Wer sich beim Tagebuchschreiben stundenlang immer weiter in sein Elend hineinschreibt, dem geht es hinterher sicher schlechter als zuvor, er riskiert sogar, vollkommen in den Zusammenbruch zu schlittern. Das wäre gerade keine Schreibtherapie. Deshalb müssen Therapeuten ihre Klienten immer darauf hinweisen, dass kurze Impulse gut tun, dass sich aber niemand über einen längeren Schreibzeitraum in schwierige Themen hineinbegeben soll. Wenn Schreiben oder auch Lesen zur dauerhaften Flucht aus der Wirklichkeit dient und man nur noch um sein Leid kreist, dann wirkt das ungünstig und verschlechtert den Zustand des Schreibenden.

 

Abschließend einen ganz kurzen praktischen Einstieg in die Möglichkeiten der Schreibtherapie: Schreiben Sie abends täglich fünf Dinge auf, die Sie als positiv erlebt oder als schön empfunden haben. Das kann etwas auf den ersten Blick banal wirkendes sein wie eine Blume am Wegesrand oder, dass Sie kein Ticket bekommen haben, obwohl Sie falsch geparkt haben. Die Aufgabe ist simpel, aber sehr effektiv. Indem wir unsere Aufmerksamkeit für Positives schärfen, entwickeln wir neue neuronale Verknüpfungen, die zu unserem allgemeinen Wohlbefinden beitragen. Dafür reichen schon fünf Minuten am Tag.

 

Thomas Mann – der Literaturnobelpreisträger hat 1927 in der Schrift „Lübeck als geistige Lebensform“ den Zusammenhang von Schreiben und Selbsterkenntnis, therapeutischen Wirkungen und Handeln so zusammengefasst: „Wie ich mich zum Leben verhielte und zum Tode: ich erfuhr alles, indem ich schrieb – und erfuhr zugleich, dass der Mensch auf keine andere Weise sich kennenlernt, als indem er handelt.“

"Wir können eine Sache nicht verändern, wenn wir sie nicht akzeptieren." C.G. Jung

Und ebenso: Versuche zu akzeptieren, was du nicht ändern kannst!

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